Letzter Halt vor Alltag

10.10.2016

Im Zug 357. Irgendwann in der Nacht war es passiert, genau im Bahnhof Smerinka. Dort treffe ich zum ersten Mal wieder auf bekanntes Terrain. Dieses hatte ich Anfang Mai beim Abflug in den Iran verlassen. Sozusagen Ankunft zu Hause. Doch halt, ein wenig Zeit lassen wir uns noch mit der Rückkehr in den Alltag, ein wenig Zeit in einer der zeitlosesten Gegenden Europas.

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Zugkino, Karpatenstyle.

Ein Traum von Landschaft, auch weil der Mensch hier (zum Teil) noch so lebt, wie seit vielen hundert Jahren: in die sanfte Hügellandschaft reihen sich hübsche Holzhüttchen, Pferde- und Kuhherden werden auf die Weiden getrieben. Das ist die Karpatoukraine.

Mitten drin fährt Zug 357 durch sonnendurchflutete Täler, kämpft sich den Pass hinauf, knapp vorbei am höchsten Berg des Landes, verschwindet im Passtunnel und taucht in der Nebelsuppe wieder auf.

Jasinaja ist einer der Ferienorte hier. Im Oktober ist natürlich keine Saison, und so stehen die Quartiere zum Teil leer, zum Teil warten sie auf Kunden.

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Jasinaja von oben.

Das „Edelweiß“ (ein üblicher Name für Vieles hier) liegt etwas versetzt zur Hauptstraße und hat eine lange Tradition als Ferienquartier: Als Hotel Budapest in den 1930ern eröffnet, macht es auch heute noch eine gute Figur. Für ca. 7Eur gibt es Übernachtung mit Frühstück. Da kann man es ein paar Tage aushalten.

11.10.2016

Im Zimmerpreis ist auch ein warmes Frühstück enthalten (Plov und Fleisch), welches im großen Saal mit mindestens 100 Plätzen serviert wird. Ein einziger Platz ist eingedeckt, irgendwie erschreckend…

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Speisesaal im „Edelweiß“

Nachdem es gestern noch hoffnungsvoll begann, ist heute das schlechte Wetter wieder da und die Vorhersage für die nächsten Tage ist auch alles andere als schön. So bleibt Zeit, die örtliche Infrastruktur kennen zu lernen. Cafe Mango hat zwar kein Internet aber hübsches Bedienungspersonal, das Werbung für eine InterRail-Tour von Oslo nach Mailand macht. Vielleicht sollte ich mir auch ein T-Shirt machen „Teheran – Tokio -Jasinaja“
Russisch scheint man auch hier nicht verstehen zu wollen. Im Osten will man nicht mehr zu Hause sein, im Westen aber auch nicht, denn das Umschalten auf Englisch endet natürlich mit „echtem“ Nichtverstehen. Offensichtlich eine schwierige Phase der Selbstfindung für das Land.

12.10.2016

Beim Frühstück gibt es heute 100% Zuwachs, zwei Gedecke bereichern heute den großen Saal. Der Tag vergeht recht relaxt, es regnet mal wieder kräftig.

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Unterwegs in den Wolken.

So bleibt es bei einer kleinen Wanderung hoch auf die Almen und nachmittags bei einem längeren Cafébesuch zur Fortsetzung der Produktion des „Reiseromans“.

13.10.2016

Noch mehr Regen, heute fahren wir in die Stadt. Nach Rachiw. Das kann man mit diversen Minibussen machen, oder aber man wandert zum Bahnhof. Gegen 11Uhr gibt es dort einen D1, einen uralten Dieseltriebwagen, der täglich den Weg von Kolomya nach Rachiw und wieder zurück fährt.

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Im Zug nach Rachiw.

Und hier stimmt das Setting noch, Kopftuchträgerinnen dominieren, im Zug wird Selbstgemachtes oder aus China Importiertes angeboten und der Zug ist auch noch Gütertransportgefäß. In Rachiw dauert denn auch das Ausladen von tausenden Kisten und Koffern richtig lange.

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Güterbahnhof Rachiw.

Der Regen hat sich ab Mittag gelegt und ermöglicht eine kleine Rundwanderung hoch über Rachiw. Auch hier scheint die Welt noch in Ordnung, sind die Schäfer mit ihren Herden unterwegs, der Blick nach unten ist ziemlich spektakulär, und irgendwann war die Schneefallgrenze erreicht.

Der Triebwagen fährt abends zurück über die Berge, nun ist er leer.

14.10.2016

Freitag da wird es sonnig. So lockte die Vorhersage die ganze Woche. Und das war auch ein Grund, in Jasinaja ein wenig länger auszuharren.

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Triebwagen Kolomya – Rachiw.

Denn alle Zutaten für schicke Fotos kommen hier zusammen: Schnee auf den Bergen, Herbstlaub unten und eine traumhafte ursprüngliche Landschaft. Alle Zutaten für die perfekte Landschaftsfotografie. Und darauf sollte man sich besser beschränken, denn das erspart viel Ärger.

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Howerla, der höchste Berg der Ukraine.

Das gute Wetter lockt die Menschen nach endlosen Regentagen natürlich hinaus, Kühe- und Kinderscharren versammeln sich, wo immer ich etwas länger stehen bleibe, offensichtlich bin ich für beide die Sensation.

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Abendliche Heimtrieb.

 

Zwar nicht von morgens bis abends aber zumindest von 14Uhr bis zum Sonnenuntergang scheint die Sonne tatsächlich, mit einer einzigen Unterbrechung, von 15.51Uhr bis 15.53Uhr. In dieser Minute fuhr ein Zug. Eine Miniwolke hatte sich  ca. 1min vor Zugdurchfahrt genau so positioniert, dass sie genau das fotografisch „wichtigste“ Stück der schicken Brücke verdunkelte, auf der dieser Zug festgehalten werden sollte. Eine beeindruckende Präzision…oder man könnte auch sagen: Sch****hobby.

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Jasinaja.

Die anschließende Wanderung über Wiesen, durchs Tal, über die Weiden voller Tiere, vorbei an vielen verschwunschenen Holzhütten, eingerahmt vom grandiosen Bergpanorama, deren höhere Lagen seit ein paar Tagen im weißen Kleid erstrahlen und mit dem bunten Herbstlaub um den Schönheitspreis wetteifern, ist so etwas „überschattet“, im wahrsten Sinne des Wortes.

 

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